Wer kann testen

Jeder kann testen – so hört und liest man es oft.

Klar.

Jeder kann laufen, wenn er 2 gesunde Beine hat.

Jeder kann Tennis spielen, wenn er zusätzlich noch zumindest einen funktionierenden Arm hat (noch besser geht’s mit zwei).

Ob jemand schnell läuft oder nicht, lässt sich relativ leicht beurteilen: die Stoppuhr ist ein unbestechlicher Maßstab dafür.

Ob jemand gut Tennis spielt, hängt davon ab, mit wem er oder sie sich vergleicht; aber auch dafür gibt es seit einigen Jahren eine Maßzahl, die ITN (International Tennis Number) – 1 haben die allerbesten (aktuell wäre das die Spielstärke von Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer – Dominic Thiem hat als bester Österreicher ebenfalls 1,00 ), die schwächste Stufe war ursprünglich 10, dann wurde noch 10,1 bis 10,3 für die kompletten Neulinge eingeführt.

Eine typische Verteilung der Spielstärken aller Spieler eines Wiener Tennisclubs mit ca. 260 ITN-registrierten Mitgliedern zeigen die folgenden beiden Graphiken (linear und als Gauß-Kurve):

ITN-Verteilung   ITN-Gauß

Vergrößerung der Graphiken möglich durch Anklicken

Wie fast überall: es gibt einige sehr starke, einige sehr schwache, und dazwischen den mehr oder weniger guten Durchschnitt.

Aber wie weiß man, ob jemand ein guter Tester ist? (Anmerkung: „Tester“ wird hier als generisches Maskulinum verwendet, natürlich gilt alles auch für Testerinnen).

Eine vergleichbare Klassifizierung wie etwa beim Tennis gibt es nicht. Es gibt Zertifikate wie z.B.  die des ISTQB, die bestätigen, dass man eine bestimmte Ausbildung gemacht und mit einer Prüfung abgeschlossen hat. Der Besitz eines solchen Zertifikats  ist aber kein Nachweis, dass dessen Besitzer ein guter Tester ist – und umgekehrt gibt es exzellente Tester, die sich nie um den Erwerb solcher Zertifikate gekümmert haben. Man muss auch keinen Führerschein besitzen, um ein exzellenter Autofahrer zu sein (wie man z.B. beim Formel 1 Fahrer  Max Verstappen feststellen konnte … bei ihm war die Reihenfolge eindeutig umgekehrt).

Die beste Möglichkeit wäre: man nehme eine Software, die einige bekannte Fehler aufweist, und lasse diese von verschiedenen Personen testen. Wer in kürzerer Zeit die meisten der  bekannten Fehler findet, ist wohl der bessere Tester. Und wer zusätzlich noch bisher unbekannte Fehler entdeckt, ist den anderen ein schönes Stück voraus.

Aber in der Praxis setzt man Tester selten dafür ein, nach bekannten Fehlern zu suchen, sondern will, dass sie entweder neue Fehler finden oder überprüfen, ob bereits gemeldete Fehler nach einer Ausbesserung auch wirklich behoben sind.

Und das kann tatsächlich jeder … nur eben in unterschiedlicher Qualität.

Ob es allerdings wirtschaftlich günstig ist, die ganz rechts von der Kurve zu nehmen, nur weil sie pro Stunde weniger kosten, sei dahingestellt; wenn ein Tennisclub ein Match gewinnen will, wird er eher die ganz links von der Kurve einsetzen.